Verbotene Liebe. Das gab es bei
Schiller genauso wie heute. Und die Voraussetzungen dafür sind manchmal näher
und einfacher als man denkt. Was wäre also, wenn...
Szene A
Tanja sitzt am Regietisch.
Tonja tigert unruhig drum herum.
TONJA
Der Handel wird ernsthaft. Eine
meiner Luisen kommt mit dem Tenor ins Geschrei. Der Präside bekommt Wind-
TANJA
Possen! Geschwätz! Was kann über
dich kommen? Du gehst nur deiner Profession als Regisseur nach.
TONJA
Aber… nehmen kann er das Mädel
nicht. Von Nehmen ist gar die Rede nicht. Also rein körperlich schon, aber...
er darf es nicht. Das Mädel wäre sonst verschimpfiert auf ihr Leben lang.
TANJA
Nur nicht gleich mit der Tür ins
Haus! Ich sprech ja nur, man müsst den Herrn Tenor nicht vor den Kopf stoßen,
weil er doch des Präsiden Leibbursch ist.
TONJA
Ja, just eben darum muss die
Sache noch heut auseinander. Der Präside muss es mir Dank wissen, wenn er ein
rechtschaffener Mann ist. Ich werde mich bei Seiner Exzellenz im 1. Stock
anmelden lassen und werde sprechen zu Seiner Exzellenz: Eh ich meine
Hauptdarstellerin an so einen Schuft aus dem Chor wegwerfe, soll sie mir lieber
- Gott verzeih mir’s... Ich heiße Preuß!
Beide ab.
Szene B
Daniel umkreist Caro, singt
dabei die Harmonie aus „2 von Millionen von Sternen“
CARO
O, ohne Grenzen entsetzlich ist
dieser Gedanke. Daniel! Dich zu verlieren! Doch... man verliert ja nur, was man
besessen hat, und dein Herz... Ich will unserem Bündnis entsagen, das die Fugen
der Verbindungswelt auseinander treiben und die allgemeine Ordnung zu Grunde
stürzen würde.
DANIEL (hält mit dem Gesang
inne)
Was? Wie? Caro, welche
Anwandlung? Was ist das, Mädchen? Keinen Einwurf mehr, Liebe. Jeder Augenblick,
den du an diesen Kummer verlorst, war deinem Jüngling gestohlen. Wir werden
diese Kabalen durchbohren, alle diese eisernen Ketten des Vorurteils
durchreißen. Du bist meine Caro. Ich liebe dich. Du sollst mir bleiben.
CARO
O, wie sehr fürchte ich ihn –
diesen Präsiden.
DANIEL
Ich fürchte nichts. Gefahren
werden meine Caro nur reizender machen.
CARO
O, du willst mich einschläfern,
Daniel.
DANIEL
Nein, Caro. Beischläfern...
Beide ab.
Szene C
PRÄSIDE
Ein ernsthaftes Attachement? Mein
Leibbursch? Nein, Thomas, das macht Er mich nimmermehr glauben.
Thomas hebt stumm mit einem
schelmischen Lächeln die Hände.
PRÄSIDE
Und noch gar eine aus der
Theatergruppe? Eine der Darstellerinnen von Musikmeister Millers Tochter?
Thomas nickt.
PRÄSIDE
Hm, hübsch, das versteht sich.
Das gefällt mir an meinem Leibbursch, dass er Geschmack hat. Aber ein Tenor und
eine Theatertochter... Der bloße Verdacht schon bringt mich zum Rasen! Mein
ganzer Einfluss ist dadurch in Gefahr. Thomas, wir müssen ihm das Mädchen
irgendwie verdächtig machen. Aber wie…
Beide denken nach; Thomas flüstert dem Präsiden etwas lüstern ins Ohr. Den Präsiden durchfährt ein wohliger Schauer.
PRÄSIDE
Heureka! Wir diktieren ihr einen
Brief an eine dritte Person in die Feder. An jemanden, der seinen Namen willig
dafür hergibt und die Rolle ihres Liebhabers gut gegen den Tenor behaupten
kann. Hm… ach, nehmen wir einfach einen von den Schuppes. Und dann spielen wir
diesen Brief dem Tenor mit guter Art in die Hände. Ja, ja! Aber… wie können wir
sie bequemen, das zu schreiben?
Thomas flüstert dem Präsiden erneut etwas ins Ohr;
seine Erregung ist kaum noch zurückzuhalten.
PRÄSIDE
Genau! Wir setzen in aller Stille
die Regisseurin und ihre Assistentin im Spinnhaus fest und geben dem Mädchen
eine Zweitbesetzung vor, sprechen von spontanen Konzeptänderungen, und machen
den Brief zur einzigen Bedingung ihrer Hauptrolle. Ja, dies Geweb’ ist satanisch
fein. Ich bin so genial!
Beide ab.
Szene D
Tonja und Tanja am Regietisch.
Thomas kommt herein und macht eine herrische Geste, woraufhin Tonja und Tanja
sich selbst abführen.
TANJA (vor sich hin wimmernd)
O Erbarmung! Erbarmung!
TONJA
Gottlob! Da haben wir die
Bescherung! – (Zu Tanja) Willst du dein
Maul halten, blaues Donnermaul? Dass dich der Schwefelregen von Sodom...
Beide ab. Thomas bleibt
triumphierend zurück und verzieht sich in den Hintergrund.
CARO (kommt herein)
Wo die Regisseurin bleibt? Sie
versprach, in wenigen Minuten eine zu rauchen und schon sind fünf volle
fürchterliche Stunden vorüber. Wenn ihr ein Unfall – wie wird mir? Warum geht
mein Odem so ängstlich?
Sie bemerkt Thomas und
erschrickt.
CARO
Was -
Thomas gebietet ihr zu
schweigen. Er geht lässig zum Regietisch und legt dort Feder und Papier ab. Mit
einer einladenden Geste weist er Caro zum Stuhl. Sie folgt gehorsam und beginnt
wie ein Roboter aufs Blatt zu schreiben. Thomas diktiert ihr pathetisch
pantomimisch im Hintergrund.
CARO (monoton wie ein Roboter)
Gnädiger. Herr. O. Mein. Gott.
Nein. Nein. Diese. Lichtscheue. Botschaft. O schön. O herrlich. O Himmel. Mit
Wollust. Aufs Rad. Flechten. Ihre. zärtliche. Luise.
Caro geht bestürzt ab. Thomas
nimmt den Brief vom Tisch, hebt ihn in die Höhe und trägt ihn mit einem lauten
diabolischen Lachen nach draußen.
Szene E
DANIEL (OFF)
Nein, es ist nicht möglich! Nicht
möglich! Und doch! Es ist ihre Hand! Unmöglich! Nein!
Ein Schluchzen ist zu hören,
danach ein Ploppen, ein zweites Ploppen und das Geräusch einer Weinflasche, die
entkorkt wird. Kurz darauf kommt
Daniel hereingetorkelt, in den Händen eine Flasche Burgunder und den Brief.
DANIEL (singt)
Langeweile besäuft sich -hicks- meilenweit... ich zähle die Ringe an meiner Hand...
mit deiner rauen Engelszunge dringst du in mich ein... gewohnt an diese Folter
sag ich Ja, meine Nein...
Daniel setzt sich an den Flügel,
spielt eine Passage aus „Hungriges Herz“.
DANIEL (auf einmal schmetternd)
ES IST SO O-OHNE DI-HICH! ICH
FIND ES WIDERLICH, ICH WILL DAS NICHT. DENKST DU VIELLEICHT AUCH MAL AN MICH?!!
CARO (stürmt herein)
Daniel! Ein Dolch über dir und
mir! (Dramatische Pose vorm Klavier)
DANIEL
Caro, schriebst du diesen Brief?
CARO
Glaubst du’s?
DANIEL
Schau mich an! Schriebst du
diesen Brief?
CARO
Du glaubst es.
DANIEL
Schriebst du diesen Brief?
CARO
Ja, ich schrieb ihn.
DANIEL (näher zu Caro)
Schriebst du ihn?
CARO
Ja.
DANIEL (noch näher)
Schriebst du ihn?
CARO (lauter)
Ja!
DANIEL (erregt)
Schriebst du ihn?
CARO (laut und erregt)
Jaaa!
DANIEL (intensiv)
Schriebst du ihn?!
CARO
Ja! Ja!
DANIEL (wie kurz vorm
Höhepunkt)
Schriebst du... diesen... Brief?
CARO (lustvoll stöhnend)
Bei Gott, jaaa, jaaaa, jaaaaaa!!!
(Pause)
DANIEL
Mein... ist so fieberisch. Ich
brauche Kühlung. Willst du mir eine Flasche Almdudler zurecht machen?
CARO
O, aber... ich habe keinen
Schlüssel.
DANIEL (zu Walther im Publikum)
Herr von Walter?
Mit Walthers Hilfe holt sie eine Flasche Almdudler aus der Theke und bringt sie
Daniel, der inzwischen auf dem Regietisch sitzt. Er starrt die Flasche an.
DANIEL
Ich brauche Ablenkung.
CARO
O, gerne. Soll ich einen Gang auf
dem Fortepiano machen, das aussieht wie ein Flügel?
Sie setzt sich an den Flügel
und spielt irgendetwas. Daniel streut derweil ein Tütchen „Dr. Oetkers
Giftmischung“ ins Almdudler.
DANIEL (gedankenverloren beim
Einstreuen)
Thore sind’s, die von ewiger
Liebe schwatzen. (Als Caro mit Spielen fertig ist) Top, Caro. (Pause)
Vielleicht, dass meine verlorene Hure sich in einem Bordell wieder finden
lässt...
CARO
Was?
DANIEL
Nichts. (Mit gespielter
Ratlosigkeit) Du, ich glaube, das Almdudler
ist abgelaufen, ist schon ganz matt. Versuchst du mal?
CARO
O, aber Almdudler kann doch nicht
ablaufen, oder?
DANIEL
Versuche!
CARO
O, ja gut. (Nimmt einen
Schluck) Also... die Limonade ist gut. Nur
eis-
DANIEL
Eis-eis-eis-eis
CARO
Eiskalt.
DANIEL
Na dann, wohl bekomm’s. (Nimmt
ebenfalls einen Schluck) O mich däucht, die
ganze Verbindung sollte den Flor anlegen und über das Beispiel betreten sein,
das in ihrer Mitte geschieht.
CARO
O Mein Gott! Wie wird dir?
DANIEL
Heiß und enge... ich erliege...
CARO
O! Dass es so weit kommen musste!
DANIEL
Komm, noch einmal Luise! – Noch
einmal wie am Tag unseres ersten Kusses.
CARO
Mir wird sehr übel.
DANIEL
Na komm, wir werden sowieso nicht
mehr aus diesem Zimmer gehen.
CARO
Was?
Daniel holt das Tütchen hervor.
CARO (schockiert)
Gift!
DANIEL
So fürchte ich. Das Almdudler war
ein Abnippler.
CARO
O, Daniel! Mein junges Leben und
keine Rettung! Muss ich denn jetzt schon dahin?
DANIEL
Keine Rettung. Aber sei ruhig,
wir machen die Reise zusammen.
CARO
O, dann kann ich nicht mehr
schweigen. Daniel – Dieser Brief... man zwang mich! Der Theaterwart hat ihn
diktiert.
DANIEL
Ha! Dieser Brief! Gottlob! Jetzt
habe ich all meine Mannheit wieder.
CARO
Zu spät, Daniel. Ich sterbe –
fasse dich, ein entsetzliches Wort zu hören – unschuldig. Adieu.
Sie stirbt hochdramatisch auf
dem Regietisch.
DANIEL
Kalt, kalt und... feucht. Ihre
Seele ist dahin. Gleich werden wir uns wieder sehen, Caro. (Pause) Aber vorher...
Daniel beginnt seine Hose
aufzuknöpfen. In diesem Moment stürmen Tonja, Tanja, Thomas und der Präside
herein.
TONJA, TANJA, PRÄSIDE, THOMAS
O! Mein! Gott!